Bei Windkraft um die besten Lösungen ringen

 
 

Nach der verheerenden Reaktorkatastrophe 2011 in der japanischen Stadt Fukushima hat es in Deutschland einen breiten Konsens für einen Atomausstieg und ein Umsteuern hin zum stärkeren Ausbau regenerativer Energien gegeben. Die Konsequenzen daraus gehen auch am Landkreis Northeim nicht spurlos vorbei. Insbesondere der Bau weiterer Windkraftanlagen in der Region wird innerhalb der Bevölkerung häufig lebhaft und auch mit sehr unterschiedlichen Meinungen diskutiert.

 

Im Rahmen der Neuaufstellung des Regionalen Raumordnungsprogramms steht die Kreispolitik derzeit vor der Entscheidung darüber, ob der Landkreis Vorrangflächen für Windenergieanlagen festlegen soll, oder ob man die Auswahl der Flächen – wie bisher – den jeweiligen Städten und Gemeinden selbst überlassen soll.

Zu dieser zentralen Fragestellung lud die SPD-Kreistagsfraktion am vergangenen Donnerstag interessierte Bürgerinnen und Bürger zur öffentlichen Abendveranstaltung „Viel Wind um nichts?“ in das Hotel Restaurant Sachsenross nach Nörten-Hardenberg ein. Ziel der Veranstaltung war es, „die Argumente und Anregungen der Bürgerinnen und Bürger vor Ort in die politische Entscheidung miteinzubeziehen“, so der Landtagsabgeordnete und amtierende Fraktionsvorsitzende Uwe Schwarz in seiner Begrüßungsrede.

 

Neben dem Landtagsabgeordneten aus Bad Gandersheim waren mit der Landrätin Astrid Klinkert-Kittel sowie dem Staatssekretär im Umweltministerium Frank Doods und seinem Leiter des Referats für erneuerbare Energien Dr. Christoph Schmidt-Eriksen namhafte Referenten der Einladung der Kreistagsfraktion gefolgt.

In dem mit über 120 Gästen vollbesetzten Veranstaltungssaal des Hotels gab zunächst die Landrätin einen kurzen Überblick über den derzeitigen Stand zur Windenergie im Landkreis Northeim. Derzeit gäbe es 41 genehmigte Anlagen, von denen 38 bereits gebaut wurden. Die mit der Neuaufstellung des Regionalen Raumordnungsprogramms verbundenen Entscheidungen bezüglich der Vorrangflächen für Windenergieanlagen wolle man gemeinsam mit den Städten und Gemeinden treffen und sehe das Vorhaben als Chance für eine „interkommunale Zusammenarbeit par excellence“, so Astrid Klinkert-Kittel. Zu diesem Zweck sei der Landkreis seit vergangenem Jahr im Austausch mit den Kommunen.

 
 

Eine Übersicht über das „große Ganze“, die energiepolitischen Hintergründe und Ziele des Ausbaus der regenerativen Energien gaben im Anschluss Frank Doods und Dr. Christoph Schmidt-Eriksen aus dem Niedersächsischen Umweltministerium. „Die Entwicklung ist derzeit nicht so, wie wir uns das alle vorstellen. Deutschland versteht sich als Klimaschutz-Weltmeister. Dieses Selbstbild stimmt aber nicht, auch Deutschland erreicht seine Klimaschutzziele nicht“, stellte Staatssekretär Doods zu Beginn fest.

Positiv sei zwar, dass gerade Niedersachsen bei den erneuerbaren Energien Windkraft, Fotovoltaik und Biogas im nationalen Vergleich „ganz vorne mit dabei ist“ und mit über 6000 Windenergieanlagen als Spitzenreiter etwa zwanzig Prozent aller Anlagen in Deutschland stelle. Den beiden Experten zufolge sei das Erreichen des übergeordneten Ziels „Klimaschutz“ aber ohne den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien nicht vorstellbar. Trotz des technischen Fortschritts und zukünftig immer effizienteren Anlagen sei dabei nach wie vor das Finden geeigneter Flächen für den Bau weiterer Anlagen die größte Herausforderung. Beim Ausbau bedeute dies für die Politik daher auch, „mangels besserer Alternativen jetzt und heute auch unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen, um die Dinge in die richtige Richtung zu entwickeln“, so Frank Doods. Wichtig sei dabei aber insbesondere, die Grenzen der Akzeptanz in der Bevölkerung zu berücksichtigen und die Menschen vor Ort ins Boot zu holen. Einer realistischen Lösung der Klimafrage auf internationaler Ebene steht der Experte insbesondere mit Blick auf die USA derzeit skeptisch gegenüber, weshalb es umso wichtiger sei, den Prozess vor Ort selbst voranzutreiben.

 

Die Notwendigkeit des Dialogs zwischen den politischen Entscheidungsträgern und den Bürgerinnen und Bürgern der Region zeigte sich an diesem Abend vor allem in der sich anschließenden Frage- und Diskussionsrunde. Grundsätzlich herrschte zwar Einigkeit darüber, dass Windkraftanlagen als Quelle erneuerbarer Energie unverzichtbar sind. Darüber hinaus zeichnete sich aber ein breites Meinungsspektrum dazu ab, in welchem Umfang und in welchen Gebieten der Ausbau gestaltet werden sollte. Besonders die Sorge vor einer Verdichtung in Wohngebieten beschäftigte viele der Gäste. Neben der Frage danach, auf welcher politischen Ebene am Ende über den Bau von Windkraftanlagen in den Städten und Gemeinden entschieden werden soll, nahmen die Referenten auch zu übergeordneten Fragen wie Gesundheits-, Arten- und Naturschutz sowie technischen Aspekte wie Effizienz und Energiespeicherung im Zusammenhang mit dem Bau von Anlagen Stellung.

Staatssekretär Doods forderte trotz aller nachvollziehbaren Sorgen und Skepsis abschließend dazu auf, angesichts der zwingenden Notwendigkeit eines Umdenkens bei der Energiegewinnung den Ausbau der Windenergie in Niedersachsen auch als Chance zu sehen und im Austausch miteinander zu bleiben: „Wir müssen auch weiterhin um die besten Lösungen miteinander ringen, dabei fair miteinander umgehen und in die Zukunft blicken“.

 


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